„KI durchdringt das gesamte Geschäft“
Wer im internationalen Fruchthandel vorne bleiben will, kommt an KI und Automatisierung nicht mehr vorbei. Genau darüber sprachen Branchenexperten beim FRUIT LOGISTICA Briefing 2026.
Mehr Effizienz, mehr Nachhaltigkeit, weniger Kosten und weniger Abfall: Künstliche Intelligenz (KI) und Automatisierung eröffnen dem globalen Obst- und Gemüsehandel enorme Chancen auf grundlegende Verbesserungen. Wie rasant die Entwicklung bereits voranschreitet, diskutierten Branchenexperten beim FRUIT LOGISTICA Briefing 2026. Die 60-minütige Session stand unter dem Titel „KI verändert alles – Sind Sie bereit?“ und fand kurz vor dem Start der diesjährigen Messe statt.

Im Uhrzeigersinn: Chris White, Vorsitzender des FRUIT LOGISTICA Advisory Boards (Moderator); Wouter Kuiper, Chief Executive Officer, Kubo Greenhouse Projects; Bradford Warner, Global Head Digital & Data, AgroFresh; Elad Mardix, Chief Executive Officer & Co-Founder, Clarifresh.
Vorne mitspielen heißt: KI verstehen und nutzen
Schon zu Beginn wurde klar: Wer heute vorne mitspielen will, muss KI nicht nur verstehen, sondern aktiv nutzen. „KI ist ein Game Changer mit großen Auswirkungen auf Produktion, Qualitätskontrolle, Logistik und sogar auf den Einzelhandel“, sagte David Ruetz, Senior Vice President der Messe Berlin. „Die Branche steht an einem entscheidenden Wendepunkt“, so Ruetz. Gerade deshalb sei die Messe als Plattform für Innovationen und Austausch in diesem Jahr so wichtig.
Arbeitskräftemangel als stärkster Beschleuniger
Entlang der gesamten Wertschöpfungskette, von intelligenten Gewächshäusern und prädiktiven Erntemodellen über autonome Robotik bis hin zu Logistikoptimierung, Haltbarkeitsmanagement und Absatzprognosen: „KI durchdringt heute schon das gesamte Geschäft und gestaltet es neu“, erklärt Mike Knowles, Geschäftsführer von Fruitnet Europe und Autor des FRUIT LOGISTICA Trend Reports 2026. Es gehe längst nicht mehr um theoretische Konzepte, sondern um Technologien, die in der Branche bereits heute nahezu täglich eingesetzt werden.
Als treibende Kraft der Automatisierung sieht Knowles vor allem den Arbeitskräftemangel. Gleichzeitig gewinnen Nachhaltigkeit und Kosteneffizienz weiter an Bedeutung. Der Druck ist real, und er steigt.
Wo KI bereits den größten Unterschied macht
„Im Moment hat KI den größten Einfluss bei smarter Produktion und bei der Qualitätskontrolle“, fasst Knowles die Ergebnisse des FRUIT LOGISTICA Trend Reports 2026 zusammen. Besonders großes Potenzial erkennt er beim Einsatz von KI für detaillierte Prognosen: Welche Produkte werden wann in welcher Menge im Einzelhandel gefragt sein? Vorhersagbarkeit und Planbarkeit seien entscheidend, so der Experte.
Noch bremst allerdings ein Klassiker: fehlende System-Kompatibilität. Viele Lösungen arbeiten nebeneinander statt miteinander. Für Knowles liegt eine der spannendsten Zukunftsfragen darin, wie viel menschliche Expertise weiterhin gefragt sein wird und ob Wertschöpfungsketten künftig tatsächlich vollständig automatisiert ablaufen können.
Daten effizient auswerten: Ohne saubere Basis kein Erfolg
In der anschließenden, von Chris White (Fruitnet Media) moderierten Diskussion zeigten sich drei Experten aus führenden Unternehmen deutlich vorsichtiger. Sie machten klar: Ohne belastbare Daten bleibt KI ein Versprechen, aber keine Lösung.
Bradford Warner, Global Head Digital & Data bei AgroFresh, sieht insbesondere Herausforderungen bei der Datenerhebung und Datennutzung, etwa bei prädiktiven Erntemodellen. „Die Daten müssen sauber, konsistent sein und auch mit denen aus anderen Ländern zusammenpassen“, sagte Warner. Nur wenn KI verlässliche, akkurate Resultate liefere, entstehe ein spürbarer Effekt bei Qualität, Profitabilität und Nachhaltigkeit und damit auch Akzeptanz beim Kunden. Dann allerdings eröffne KI eine enorme Chance: Unternehmen könnten Vorhersagen treffen wie nie zuvor, etwa zu Reifegrad und Haltbarkeit.
Qualitätskontrolle als Bewährungsprobe
Auch Elad Mardix, Chief Executive Officer und Mitgründer von Clarifresh, beschreibt einen kritischen Markt: Die Fehlertoleranz auf Kundenseite sei gering, nicht zuletzt, weil viele Technologien in der Vergangenheit im großen Maßstab nicht funktioniert hätten. „Der Nutzen muss greifbar sein, sonst sind die Entscheider schwer zu überzeugen“, so Mardix.
Clarifresh will mit KI die Qualitätskontrolle deutlich verbessern, mit wesentlich höherer Genauigkeit und ohne die Uneinheitlichkeit, die menschliche Bewertungen mit sich bringen. Statt einer 80-prozentigen Genauigkeitsrate wie beim Menschen könne KI in Zukunft 99,5 Prozent schaffen. Das führe zu rund einem Viertel weniger Reklamationen im Handel, so Mardix. Das Ziel: den Menschen komplett aus dem Kontrollprozess herauszunehmen.
Mensch und Maschine: Konkurrenz oder Dreamteam?
Einen anderen Schwerpunkt setzt Wouter Kuiper, Chief Executive Officer bei Kubo Greenhouse Projects. Für ihn ist nicht das Ersetzen des Menschen der Schlüssel, sondern die Verbindung aus Erfahrung und Technologie. Das Zusammenspiel von erfahrenem Erzeuger mit Intuition und Erntegefühl und KI sei entscheidend für den erfolgreichen Anbau in Gewächshäusern: „Künstliche Intelligenz kann aufgrund von großen Datensätzen subtilere Details erkennen, Szenarien vorwegnehmen und Risiken so frühzeitig erkennen.“
Kuiper betont: Wer sich dem Fortschritt stellt und sich weiterentwickelt, macht KI zum Wettbewerbsvorteil, unabhängig von der Unternehmensgröße. Gerade auch kleinere Erzeuger könnten profitieren.
Zusammenarbeit entscheidet über den Erfolg der Branche
Am Ende wurde vor allem eines deutlich: Technologie allein wird nicht reichen. Es wird auf die Bereitschaft ankommen, Wissen zu teilen, voneinander zu lernen und gemeinsame Standards zu schaffen.
David Ruetz von der Messe Berlin brachte es auf den Punkt: „Die Zukunft wird davon bestimmt sein, wie innovativ wir sind und wie wir zusammenarbeiten.“ Nur dann könne es gelingen, durch KI und Automatisierung tatsächlich effizienter und nachhaltiger zu werden.
Weitere Informationen
Der FRUIT LOGISTICA Trend Report 2026 zeigt, wie KI und Automatisierung die globalen Lieferketten für Obst und Gemüse verändern und welche Vorteile das für die Branche bringt: mehr Effizienz in der Produktion, präzisere Qualitätskontrolle, bessere Prognosen, optimierte Logistik sowie weniger Ausschuss und Ressourcenverbrauch. Der Bericht beleuchtet praxisnah Anwendungen wie intelligente Gewächshäuser, prädiktive Erntemodelle, KI-gestützte Qualitätsbewertung und Logistikoptimierung und zeigt, welches Potenzial in autonomen Systemen, zerstörungsfreier Qualitätsanalyse und modernem Kühlkettenmanagement liegt. Kostenloser Download: FRUIT LOGISTICA Trend Report 2026.
(Die Veranstaltung fand in englischer Sprache statt.)