Local Sourcing: Erleben wir gerade einen Wandel hin zu mehr lokaler Produktion?
Verbraucherinnen und Verbraucher wünschen sich mehr regionale Produkte. Doch lokale Produktion ist nicht automatisch nachhaltiger – und stößt bei Klima, Saison und Wirtschaftlichkeit an Grenzen.

Die Herkunft von frischen Lebensmitteln wird für viele Menschen immer wichtiger. Regionale Produkte stehen für Transparenz, kurze Wege und eine stärkere Verbindung zu den Erzeugerinnen und Erzeugern. Auch Unternehmen der Frischfruchtbranche prüfen deshalb, welche Waren näher an ihren Absatzmärkten produziert werden können.
Doch wie weit kann diese Entwicklung gehen? Und ist ein lokal angebautes Produkt grundsätzlich nachhaltiger als importierte Ware?
In dieser Folge des „FRUIT LOGISTICA“-Podcasts spricht Tom Joyce von Fruitnet mit Arie Havelaar, Gründer und Managing Director von Sawari Fresh, Janine Abram, Marketing Product Manager bei G’s España, und Flora Boulinguez, Marketingdirektorin von Prince de Bretagne.
Regionalität schafft Vertrauen
Für Unternehmen ist die Herkunft längst mehr als eine Angabe auf der Verpackung. Sie kann für nachvollziehbare Lieferketten, regionale Wertschöpfung und persönliche Geschichten aus der Landwirtschaft stehen.
Prince de Bretagne macht diese lokale Verwurzelung zum Kern seiner Kommunikation. Die Genossenschaft verbindet Familienbetriebe aus der Bretagne und vermarktet deren Produkte unter einer gemeinsamen regionalen Marke. So werden nicht nur die Waren, sondern auch die Menschen und Strukturen dahinter sichtbar.
Ingwer aus den Niederlanden
Sawari Fresh zeigt, wie neue regionale Lieferketten entstehen können. Das Unternehmen arbeitet mit niederländischen Landwirten zusammen, um Ingwer anzubauen, der bislang vor allem aus China, Brasilien oder Peru importiert wird.
Dafür müssen Anbaumethoden an lokale Bedingungen angepasst werden und erst die Erfahrung über mehrere Ernten hinweg zeigt, ob der Plan aufgeht. Gleichzeitig müssen Qualität, Menge und Preis mit etablierten Importstrukturen mithalten können.
Der niederländische Ingwer zeigt: Die Grenzen regionaler Produktion sind nicht starr. Neue Sorten, geschützte Anbausysteme und präzisere Produktionsverfahren können den Anbau bislang untypischer Kulturen ermöglichen.
Lokal ist nicht automatisch nachhaltiger
Kurze Transportwege wirken auf den ersten Blick besonders klimafreundlich. Für die tatsächliche Umweltbilanz sind jedoch viele weitere Faktoren entscheidend: Energie- und Wasserverbrauch, Ertrag, Lagerung, Verpackung und Anbaumethode.
Ein importiertes Produkt kann unter günstigen klimatischen Bedingungen ressourcenschonender erzeugt werden als dieselbe Ware in einem beheizten Gewächshaus. Entscheidend ist deshalb nicht allein die Entfernung zum Markt, sondern die gesamte Wertschöpfungskette.
Klima und Saison setzen Grenzen
Nicht jede Kultur lässt sich in jeder Region sinnvoll anbauen. Temperatur, Licht, Bodenqualität und Wasserverfügbarkeit bestimmen, welche Produkte an einem Standort wirtschaftlich erzeugt werden können.
Hinzu kommt der Wunsch danach Obst und Gemüse das ganze Jahr über kaufen zu können. Regionaler Anbau kann besonders während der Saison für Frische und Nähe sorgen – außerhalb der Erntezeiten bleiben internationale Lieferketten jedoch oft unverzichtbar.
Die Zukunft liegt deshalb vermutlich nicht in einer vollständigen Abkehr vom globalen Handel, sondern in einem ausgewogenen Beschaffungsmodell: lokal und saisonal, wo es sinnvoll ist – international, wo Klima, Qualität und Verfügbarkeit dafür sprechen.
Technologie erweitert die Möglichkeiten
Präzisionsbewässerung, Sensorik, Datenanalysen und automatisierte Klimasteuerung können den regionalen Anbau unterstützen. Sie helfen, Ressourcen gezielter einzusetzen und Produktionsbedingungen besser zu kontrollieren.
Auch geschützte Anbausysteme eröffnen neue Möglichkeiten. Ob sie langfristig tragfähig sind, hängt jedoch von Investitionskosten, Energiebedarf und erreichbaren Erntemengen ab.
Neue Partnerschaften für neue Lieferketten
Der Trend zu mehr regionaler Produktion schafft Raum für neue Kooperationen. Händler, spezialisierte Importeure und landwirtschaftliche Betriebe können gemeinsam neue Kulturen testen, Anbaumethoden entwickeln und Abnahmemengen langfristig vereinbaren.
So verändert sich auch die Rolle der Unternehmen: Sie handeln nicht mehr nur mit bestehenden Produkten, sondern gestalten neue Lieferketten aktiv mit.
Wird in zehn Jahren mehr Obst und Gemüse in der Nähe der jeweiligen Absatzmärkte angebaut? Vieles spricht dafür. Gleichzeitig wird der internationale Fruchthandel weiterhin gebraucht, um unterschiedliche Klimazonen, Erntezeiten und Märkte miteinander zu verbinden.
Diese Podcast-Episode entstand in Zusammenarbeit mit Fruitnet Media International.