Veranstalter:
Website Messe Berlin
Datum der Veranstaltung:
4.-6. FEB 2026
FRUIT LOGISTICA
4.-6. FEB 2026
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Nachhaltig für die einen, katastrophal für die anderen

Muss man frische Früchte um die halbe Welt fliegen, oder sollte man für den Klimaschutz darauf verzichten? Und wer trägt welche Folgen? Darüber diskutierten vier Expert:innen im Logistics Hub.

Vier Expert:innen diskutieren. Von links nach rechts sind das Simon Derrick, Maria Wieloch, Jeremy Knops und Dorra Zairi.

Von links: Simon Derrick, Maria Wieloch, Jeremy Knops und Dorra Zairi diskutieren über Nachhaltigkeitsmaßnahmen und mehr Fairness für Farmer.

In einem Punkt waren sich alle vier Expert:innen auf dem Podium einig: „Nachhaltigkeit ist kein Buzzword mehr, sondern eine Realität“, sagte Dorra Zairi, Expert Sourcing & Markets beim Import Promotion Desk. Gerade die Landwirtschaft bekomme die Folgen vom Raubbau am Planeten hart zu spüren, führte Simon Derrick, Head of Sustainability bei Blue Skies Holdings und Mitgründer der Initiative Fairmiles aus: „Der Klimawandel ist da, und er bestimmt bereits, wie und wo Lebensmittel produziert werden können.“ Biodiversität schwinde, der Abbau von Ressourcen schreite immer schneller voran. Und noch etwas sei zu beobachten: „Jahrzehntelang hat die Armut in der Welt abgenommen, jetzt steigt sie wieder, und das zeigt: Die Nachhaltigkeit, wie wir sie bisher angehen, funktioniert nicht für jeden in dieser Welt.“

Keine Luftfracht mehr für ICA in Schweden

Genau um diese Frage ging es bei der Podiumsdiskussion im Logistics Hub auf der FRUIT LOGISTICA 2026 mit dem Titel: „Stolperfallen – Wie kann der Frischwarenhandel nachhaltige Lieferketten aufbauen und gleichzeitig Existenzgrundlagen schützen?“ ICA Sverige, die größte Einzelhandelskette in Schweden, hat vor wenigen Jahren beschlossen auf Luftfracht zu verzichten. Den schwedischen Verbraucher:innen seien Nachhaltigkeit und Klimaschutz sehr wichtig, erklärte ICA-Business Area Director Maria Wieloch, und Luftfracht sei nun einmal Teil des Emissionsproblems. Für die ICA-Kette heiße das, dass sie einige frische Produkte mit kurzer Haltbarkeit nicht mehr anbieten könne. Das Unternehmen habe also abgewogen und ihre Nachhaltigkeitsmission über einige Produkte in ihrem Angebot gestellt, und trotzdem bleibe auch für sie die Frage: „Das mag fair für den Planeten sein, aber ist es auch fair für die Menschen?“

Warum ärmere Gebiete auf Luftfracht angewiesen sind

Nein, findet Jeremy Knops, Délégué Général bei COLEAD, ein Netzwerk für nachhaltige und inklusive Landwirtschaft und Partnerorganisation von Fairmiles. Das Problem sei, dass solche Nachhaltigkeitsinitiativen von Industriestaaten häufig den Produzenten in ärmeren Ländern und Gemeinden die Lebensgrundlage entzögen. Dort litten die Menschen ohnehin schon am meisten unter dem Klimawandel – obwohl sie die geringste Schuld trügen an der Umweltverschmutzung weltweit. Wenn diese Produzenten von Lieferketten abgeschnitten würden, bedeute das, dass ihre Lebensgrundlage entfällt – Geld für Essen, Gesundheitsversorgung und den Schulbesuch der Kinder. Das gelte es abzuwägen gegen die tatsächlichen Klimafolgen von Frischfruchttransporten mit dem Flugzeug. „Ja, die Luftfahrt wächst, aber der Frischfruchttransport ist hier nicht der Treiber“, betonte Knops.

Auch die Landwirte, die Dorra Zairi und ihre Kolleg:innen vom Import Promotion Desk (IPD) vor allem in Afrika und Lateinamerika beraten, stellen Entscheidungen in den Industrieländern oft vor Probleme. Wenn zum Beispiel frische Kräuter in Kenia gezogen werden, bleibe für den Transport nur das Flugzeug, erläuterte Zairi. Das IPD mit Sitz in Berlin und Bonn ist eine kostenlose Vermittlungsstelle zwischen Händlern und Unternehmen in Europa mit geprüften Produzenten und Lieferanten im Globalen Süden, die Transparenz- und Nachhaltigkeitsanforderungen entsprechen.

Fairness für alle

„Wir brauchen mehr Forschung, um die Folgen unserer Nachhaltigkeitsentscheidungen zu verstehen“, mahnte Simon Derrick. „Wir müssen sicherstellen, dass alle Maßnahmen, die wir im Namen der Nachhaltigkeit ergreifen, nicht ausgerechnet den verletzlichsten Menschen oder Gemeinden überproportional und zu Unrecht schaden.“ Fairmiles und COLEAD stellten deshalb fünf „Just Transition“-Prinzipien auf, damit Nachhaltigkeit für die Umwelt nicht die Lebensgrundlage von Familien zerstört: Geschäftsgrundlagen, Auswirkungen auf Menschen, Proportionalität, verantwortliche Datenerhebung und Fairness bei Veränderung.

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